C. P. M. Oberndorfer, K. E. Adelsberger, M. Jansen
situ Messung der elektrochemischen Parameter direkt zu
verfolgen und zu beeinflussen.
Ergebnisse und Diskussion
Elektrochemische Deinterkalationen
Ternäre Silberoxide zeichnen sich durch eine hohe Be-
weglichkeit der Silberionen in einer vorwiegend anionischen
Wirtsstruktur aus und sollten deshalb eine reversible Dein-
terkalation einer größeren Menge an Silberionen ermögli-
chen [1Ϫ3]. In diesem Zusammenhang ist das subvalente
Ag5Pb2O6 von besonderem Interesse. Es erfüllt die struktu-
rellen Voraussetzungen und weist eine gute metallische Leit-
Die elektrochemischen Deinterkalationen von Ag5Pb2O6
wurden in einem Temperaturbereich von 25 °C bis 310 °C
vorgenommen. Bei den Raumtemperaturexperimenten (RT)
kam in Zellen des Typs Ag/Elektrolyt/Ag5Pb2O6 ein flüssi-
ger Elektrolyt (AgNO3 in Acetonitril) zum Einsatz, der bei
höheren Temperaturen durch AgI als Silberionenleiter er-
setzt wurde. Die Synthesen erfolgten sowohl galvanostatisch
als auch potentiodynamisch. Im ersten Fall wird eine Se-
quenz aus Belastungsphasen (konstanter Strom, Silberaus-
bau) und Relaxationsphasen (Rückkehr zum Gleichge-
wicht) durchlaufen. Das Meßsignal ist die Zellspannung.
Im zweiten Fall wird das Potential der Arbeitselektrode in
definierten Schritten erhöht und für eine vorgegebene Zeit
der Strom aufgezeichnet. Der coulometrische Deinterkala-
tionsgrad y beschreibt die Menge der entfernten Silberionen
pro Formeleinheit und wird aus der Probenmasse und der
geflossenen Ladungsmenge berechnet. Neben der Kontrolle
des Silbergehaltes liefern die elektrochemischen Meßgrößen
zusätzlich Informationen über das Reaktionsgeschehen.
Für die durchgeführten Experimente können unter Berück-
sichtigung der röntgenographischen Untersuchungen (s. u.)
zwei Grenzfälle unterschieden werden, die temperaturab-
hängig ineinander übergehen.
fähigkeit auf [4Ϫ7]. Ag5Pb2O6 bildet eine Schichtstruktur
2
aus PbO3-Einheiten, die senkrecht zur cϪAchse des trigo-
ϱ
nalen Kristallsystems gestapelt sind. Diese Teilstruktur ist
eine Stapelvariante des BiI3Ϫ bzw. AlCl3ϪTyps, bei der die
unbesetzten Oktaederplätze der Sauerstoffdoppelschichten
nicht auf Lücke, sondern in cϪRichtung unmittelbar über-
einander liegen. Die beiden unabhängigen Silberlagen sind
durch verschiedene Sauerstoffumgebungen charakterisiert:
Ag1 ist dreifach koordiniert und befindet sich ober- bzw.
unterhalb der nicht besetzten Oktaederlücke. Ag2 verknüpft
über eine lineare Sauerstoffkoordination die Pb/O-Schicht-
´
pakete und bildet dazwischen ein ebenes Kagome-Netz mit
˚
einer AgϪAg-Bindungslänge von 2,97 A, dessen sechs-
eckige Maschen mit den Leerstellen der PbO3-Schichten in
Richtung der c-Achse zusammenfallen. Auf diese Weise
werden Kanäle entlang [0 0 1] gebildet, die mit Ketten aus
˚
˚
Ag1 mit alternierenden Abständen von 3,09 A bzw. 3,32 A
durchzogen sind. Die deutlich kürzeren Metallabstände im
• Unterer Temperaturbereich (bis ca. 170 °C): Bis y ϭ
0,45 entstehen einphasige Produkte. Ab diesem Punkt zer-
fällt das System in die Komponenten Ag4,5Pb2O6 und
Ag4Pb2O6. Für y ϭ 1,0 bildet sich Ag4Pb2O6 und bei weite-
rer Entfernung von Silberionen βϪPbO2.
´
Kagome-Netz lassen vermuten, daß hier die Bindungssitua-
tion ähnlicher der des Elements ist. Eine Lokalisierung des
Exzesselektrons gemäß (AgI)5(PbIV)2O6(eϪ) auf Basis der
strukturellen Daten ist nicht möglich [5, 6].
• Hohe Temperaturen: Es existiert kein Homogenitätsbe-
reich. Als zweite Phase entsteht direkt PbOx neben
Ag5Pb2O6.
Den Vorteilen einer elektrochemischen Route zur geziel-
ten Veränderung der Zusammensetzung, die u. a. durch
schonende Reaktionsbedingungen ohne störende Oxida-
tionsmittel gegeben sind, steht als Nachteil ein breites Feld
von Parametern (U, I, Zellentyp, T) gegenüber, deren Ein-
flüsse nicht von vornherein abschätzbar sind. Grundsätzlich
ist anzunehmen, daß die strukturelle Antwort eines Elektro-
densystems von dem elektrochemisch generierten Gradien-
ten der Silberionenaktivität in der Zelle abhängt oder durch
die aufgezwungene Reaktionsgeschwindigkeit mittels eines
konstanten Stroms beeinflußt wird. Darüber hinaus läßt
eine Reaktionsführung bei Raumtemperatur die Bildung
von metastabilen Produkten erwarten, da eine thermische
Aktivierung zum rekonstruktiven Umbau der Wirtsstruktur
nicht gegeben ist. Dies bedingt gleichzeitig eine kinetische
Hemmung des Silbertransports und geht meist mit einer
Amorphisierung des Produkts einher. Die Anwendung hö-
herer Temperaturen verbessert hingegen ionische Leitfähig-
keit und Produktkristallinität, rückt die ablaufenden Pro-
zesse aber in das thermodynamische Regime. Im folgenden
berichten wir von entsprechenden elektrochemischen Un-
tersuchungen an Ag5Pb2O6 unter Variation von verschiede-
nen, potentiell produktbestimmenden Parametern, insbe-
sondere der Temperatur.
Bei der Deinterkalation von Ag5Pb2O6 bei Raumtempe-
ratur verändert sich der Zellspannungsverlauf mit abneh-
mendem Silbergehalt in charakteristischer Weise (Abb. 1).
Der stetige Anstieg bis y ϭ 0,45 ist durch das Vorliegen
einer festen Lösung erklärbar, wohingegen das darauf fol-
gende Plateau aus phasentheoretischen Gründen auf zwei
Verbindungen zurückzuführen ist [8]. Beide Bereiche sind
außerdem durch den zeitlichen Verlauf der Spannung wäh-
rend der Relaxationsphase unterscheidbar. Abb. 2 zeigt dies
exemplarisch für drei Sequenzen (Belastung Ǟ offenes Zell-
potential Ǟ Belastung) bei verschiedenen Zusammenset-
zungen (y ϭ 0,2 und y ϭ 0,8; RT). Im Einphasenbereich
erfolgt die Äquilibrierung nach Unterbrechung des Strom-
flusses relativ schnell in Abhängigkeit des Diffusionskoeffi-
zienten der Silberionen im Feststoff. Bei höherem Deinter-
kalationsgrad wird eine kinetische Hemmung durch die Be-
teiligung einer zweiten Komponente hervorgerufen. Den
Einfluß einer Temperaturerhöhung zeigt ein galvanostati-
sches Experiment bei 155 °C mit einer Festelektrolytzelle
(Abb. 3). Aufgetragen ist das Meßsignal von y ϭ 0 bis y ϭ
1 als Funktion der Zeit. Die Deinterkalation findet wäh-
rend der Belastungsphasen statt und ist durch den Anstieg
der Zellspannung erkennbar. Die darauf folgende Relaxa-
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© 2005 WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 69451 Weinheim
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Z. Anorg. Allg. Chem. 2005, 631, 385Ϫ392