H.-C. BoÈttcher, M. Graf, K. Merzweiler, C. Wagner
Wesentlich rascher verlaÈuft die Umsetzung in sieden-
dem Benzol, dabei ist 2 nach ca. 5 Stunden in sehr gu-
ter Ausbeute erhaÈltlich. Des weiteren kann in dieser
Reaktion auch Ethylensulfid als SchwefeluÈbertra-
gungsreagenz fungieren, z. B. [2, 3]. Beim kurzzeitigen
ErwaÈrmen von 1 mit C2H4S in THF resultiert der
Komplex 2 in vergleichbar guten Ausbeuten. Die
Schwefeladdition an 1 ist im Vergleich zu aÈhnlichen
Reaktionen in zweierlei Hinsicht von Bedeutung.
Zum einen ergibt die Umsetzung des koordinativ un-
gesaÈttigten Komplexkations [Ru2(l-CO)(CO)3(l-H)-
{l-(RO)2PN(Et)P(OR)2}2]+ mit S8 nicht das ¹glatteª
Additionsprodukt, sondern Insertion von Schwefel in
die Ru2(l-H)-Einheit unter Bildung von [Ru2(l-SH)-
(CO)4{l-(OR)2PN(Et)P(OR)2}2]+ (R = iPr) [4]. Zum
anderen geht der im Vergleich zu 1 aÈhnlich struk-
turierte Komplex [Fe2(l-CO)(CO)4(l-H)(l-PCy2)-
(l-dppm)], dessen ReaktivitaÈt im Sinne einer ¹mas-
kiertenª Fe±Fe-Doppelbindung beschrieben wurde,
keinerlei Reaktion mit S8 bzw. Propylensulfid als
SchwefeluÈbertraÈger ein [5]. Insofern wird durch die
Addition von Schwefel an die Metall-Metall-Bindung
in 1 deren Doppelbindungscharakter erneut bestaÈtigt.
Das 1H-NMR-Spektrum von 2 zeigt naÈmlich neben
den Signalen fuÈr die Protonen des dppm und der des
Phosphanidoliganden ein komplexes Resonanzsignal
bei d ±8.12, das charakteristisch fuÈr einen Hydrido-
liganden ist. DaruÈber hinaus unterstuÈtzt das Ergebnis
der RoÈntgenkristallstrukturanalyse den Befund, daû
keine Schwefelinsertion in das Ru2(l-H)-GeruÈst er-
folgt ist (vide infra).
Kumulene bzw. Heterokumulene zeigen ein aus-
gepraÈgtes Insertionsverhalten in Metall±Hydrid-Bin-
dungen mononuklearer Komplexe, z. B. [6, 7]. FuÈr
polynukleare Metallkomplexe ist dieses Reaktionsver-
halten weniger untersucht, z. B. [4, 5]. Die Verbindung
1 reagiert bei Raumtemperatur nur sehr langsam mit
CS2, aÈhnlich wie es fuÈr die Reaktion mit Schwefel zu
beobachten ist. Wird in Schwefelkohlenstoff als LoÈ-
sungsmittel einige Stunden unter RuÈckfluû erhitzt, ist
in guten Ausbeuten das Produkt der ¹Hydrodimetal-
lierungª des CS2 in Form des Dithioformiatokomple-
xes [Ru2(CO)4(l-S2CH)(l-PtBu2)(l-dppm)] (3) zu-
gaÈnglich, Gl. (2).
um dafuÈr, daû in 3 der Dithioformiatoligand vorliegt,
wird aus dem Protonen- und dem 13C{1H}-NMR-
1
Spektrum der Verbindung ersichtlich. Das H-NMR-
Spektrum indiziert diese Gruppe mit einem Signal bei
d 10.67 in Form eines Pseudoquartetts, und im
13C{1H}-NMR-Spektrum ist die Anwesenheit dieses
Liganden durch ein Multiplett bei d 233.6 belegt. Die-
se Daten stimmen gut mit den Literaturwerten fuÈr die
Komplexe [RuX(CO)(PiPr3)2(g2-S2CH)] (X = Cl, I)
[7] uÈberein. Des weiteren wurde die MolekuÈlstruktur
von 3 uÈber die RoÈntgenkristallstrukturanalyse bestaÈ-
tigt (vide infra). FuÈr den o. g. Komplex [Ru2(l-CO)-
(CO)3(l-H){l-(RO)2PN(Et)P(OR)2}2][PF6] wurde ge-
genuÈber CS2 ein analoges Reaktionsverhalten be-
schrieben, indem [Ru2(CO)4(l-S2CH){l-(RO)2PN-
(Et)P(OR)2}2][PF6] gebildet wird [4]. Auch im Fall
des zu 1 eng verwandten Komplexes [Fe2(l-CO)-
(CO)4(l-H)(l-PCy2)(l-dppm)] wird bei Reaktion mit
CS2 Carbonylsubstitution und nachfolgende Insertion
des CS2 zu [Fe2(CO)4(l-S2CH)(l-PCy2)(l-dppm)] be-
schrieben [5].
Im Hinblick auf die spontane Addition von CO an
1 [1] war auch die Reaktion von 1 mit dem isoelektro-
nischen Nitrosylkation von Interesse. Unter diesem
Aspekt wurde 1 mit [NO][BF4] in Tetrahydrofuran bei
Raumtemperatur zur Reaktion gebracht. Bei Zugabe
des Elektrophils ist eine rasche Umsetzung zu ver-
zeichnen, was auch in diesem Fall durch einen Farb-
wechsel der LoÈsung von violett nach gelb angezeigt
wird. Dabei wird in guten Ausbeuten das entsprechen-
de koordinativ gesaÈttigte Additionsprodukt in Form
des Komplexsalzes [Ru2(CO)4(l-NO)(l-H)(l-PtBu2)-
(l-dppm)][BF4] (4) zugaÈnglich, Gl. (3).
[Ru2(CO)4(l-H)(l-PtBu2)(l-dppm)]
(1)
NOBF4
! [Ru2(CO)4(l-NO)(l-H)(l-PtBu2)(l-dppm)][BF4] (3)
(4)
4 ist durch Kristallisation aus Aceton/Diethylether als
gelbes Pulver erhaÈltlich, dessen Zusammensetzung an-
hand der Elementaranalyse und der spektroskopi-
schen Untersuchungen hinreichend gesichert wurde
(Tab. 1). Das Komplexkation von 4, das neben den
terminal gebundenen Carbonylliganden eine Nitrosyl-
gruppe enthaÈlt, weist im IR-Spektrum im charakteri-
stischen Bereich der NO-Valenzschwingungen eine
starke Bande bei 1552 cm±1 auf, was in Ûbereinstim-
mung mit einem verbruÈckenden NO-Liganden steht,
vgl. z. B. [8]. Das 31P{1H}-NMR-Spektrum von 4 zeigt
ein Triplett bei einem tiefen Feldwert, das der Phos-
phanidobruÈcke uÈber der Metall-Metall-Bindung zuzu-
ordnen ist. Bei hoÈherem Feld wird ein Signal fuÈr die
beiden chemisch aÈquivalenten Phosphorkerne des
dppm in Form eines Dubletts mit entsprechender
Kopplung zur PhosphanidobruÈcke beobachtet. Auch
das stuÈtzt die Annahme, daû sich der Nitrosylligand in
[Ru2(CO)4(l-H)(l-PtBu2)(l-dppm)]
(1)
CS2
! [Ru2(CO)4(l-S2CH)(l-PtBu2)(l-dppm)]
(3)
(2)
Der vollstaÈndige Umsatz kann gut uÈber einen Farb-
wechsel von tiefviolett nach orangegelb verfolgt wer-
den. 3 ist nach Umkristallisieren aus Dichlormethan/
Hexan als gelbes Pulver erhaÈltlich. Die Zusam-
mensetzung und die Struktur von 3 wurde anhand der
Analysen und der spektroskopischen Daten hinrei-
chend gesichert (Tab. 1). Ein entscheidendes Kriteri-
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Z. Anorg. Allg. Chem. 2000, 626, 597±603