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C. Wo¨lper et al. · (Amin)halogenidosilber(I)-Komplexe
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dann u¨ber Wasserstoffbru¨cken erfolgt. Da im Grund- auf, d. h. desto geringer ist die Ahnlichkeit mit dem
geru¨st am Silber mit fu¨nf eine hohe Koordinations- urspru¨nglichen kubischen Silberhalogenidgitter. Die
zahl vorliegt, wird dieses bei Liganden, die keine Strukturen der prima¨ren Amine zeigen jedoch, dass
Wechselwirkungen zeigen, nicht gefunden, sondern nicht nur die Wechselwirkungen ausschlaggebend sein
die dicht gepackte, treppenfo¨rmige Polymerstruktur ko¨nnen, da trotz gleicher Wechselwirkungsmuster ver-
mit der sterisch gu¨nstigeren Koordinationszahl von schieden Strukturen zu finden sind. Als dritter Faktor
vier am Silber. Abweichungen von dieser Treppen- kommt die Polarita¨t der Aminreste hinzu. Je unpola-
struktur sind durch nicht-klassische Wechselwirkun- rer die Reste und je polarer das Silberhalogenid, desto
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gen zu erkla¨ren. Treten viele und/oder starke nicht- wahrscheinlicher wird ein Uberschuss an Amin in der
klassische Wechselwirkungen auf, fu¨hrt dies ebenfalls Kristallstruktur. Des Weiteren scheint bei heterocycli-
zu einer Auflo¨sung des Grundgeru¨sts. Hier bleiben schen Aromaten einem Methylsubstituenten in meta-
dann einige der Ag–X-Bindungen erhalten, aber es tre- Position eine besondere Bedeutung zuzukommen, da
ten keine Schwa¨chungen zu Kontakten auf.
diese Amine in allen Fa¨llen von der typischen Trep-
penstruktur abweichen.
Die Koordinationszahlen in den verschiedenen
Strukturen reichen am Silber von zwei bis fu¨nf, bei ei-
nem bis fu¨nf Halogeniden und keinem bis drei Ami-
nen in der Koordinationsspha¨re. Die Halogenidato-
me sind von einem bis fu¨nf Silberatomen umgeben.
Die Amin : Silberhalogenid-Verha¨ltnisse reichen von
3 : 1 bis 2 : 3. Auffa¨llig ist, dass Aminu¨berschu¨sse
besonders bei den stark ionischen Silberhalogeniden
zu finden ist. Die meisten Fa¨lle und die ho¨chsten
Aminu¨berschu¨sse treten beim Silberchlorid auf; beim
Silberbromid sind nur vereinzelte Fa¨lle zu finden; beim
am sta¨rksten kovalenten Silberiodid gar keine. Bei den
Silberchloridkomplexen von Cyclohexylamin und Pi-
peridin sind Strukturen fu¨r verschiedene Verha¨ltnisse
bekannt. Dies ist dadurch zu erkla¨ren, dass in Lo¨sung
Komplexe mit verschiedenen Ligandenzahlen vorlie-
gen [25, 26], und je nach Kristallisationsbedingungen
die eine oder die andere Struktur gebildet wird. Der
Ligandenu¨berschuss resultiert aus dem Bestreben nach
Trennung von polaren und unpolaren Teilen der Kom-
plexe; dementsprechend sind bei Aminen mit beson-
ders unpolaren Resten (z. B. Cyclohexylamin, Piperi-
din) mit besonders polaren Silberhalogeniden (AgCl)
bevorzugt Aminu¨berschu¨ssen zu finden. Die Silber-
halogenidu¨berschu¨sse haben sterische Gru¨nde (siehe
oben). Als ersten strukturbeeinflussenden Faktor las-
sen sich die Ag–X-Bindungen identifizieren. Sie sind
auch der Grund fu¨r die geringe Stabilita¨t der Kristalle
außerhalb der Mutterlauge. Durch die hohe Gitterener-
gie insbesondere des Silberchlorids zerfallen die Kom-
plexe z. T. binnen Sekunden (Kristalle von 19 konnte
nur mit Hilfe spezieller Tieftemperaturtechnik auf das
Diffraktometer transferiert werden) bei Raumtempera-
tur in die Edukte. Der zweite Faktor, der Einfluss auf
die Struktur hat, ist die Art und Sta¨rke der sekunda¨ren
Wechselwirkungen. Generell gilt: je sta¨rker die Wech-
Schlussbemerkung
Die deutlich erweiterte Datenbasis ermo¨glicht ein
besseres Versta¨ndnis der Strukturvielfalt von Amin-
silberhalogenid-Komplexen. Eine konkrete Struktur-
vorhersage ist jedoch immer noch nicht mo¨glich,
wohl aber konnten die wichtigsten Einflussfaktoren
bestimmt werden, so dass in eingeschra¨nktem Maße
Aussagen u¨ber den allgemeinen Strukturaufbau ge-
troffen werden ko¨nnen (z. B. wahrscheinliche Koor-
dinationszahl des Silbers und Anzahl der Halogenid-
und Aminliganden). Um allgemeinere Aussagen tref-
fen zu ko¨nnen, haben wir ebenfalls Untersuchungen
an Silberdisulfonylamiden mit Aminliganden durch-
gefu¨hrt [23]. Die Vero¨ffentlichung dieser Ergebnisse
ist in Vorbereitung.
Experimenteller Teil
Synthese der Kristalle
Mit einer Ausnahme wurden alle beschriebenen Komple-
xe nach derselben Methode synthetisiert. Es wurden 200 mg
des Silberhalogenids in 5 mL des Amins gegeben und 16 h
bei Raumtemperatur geru¨hrt. Die entstandene Lo¨sung wurde
auf 20 Glu¨hro¨hrchen verteilt und in je 10 der Ro¨hrchen mit
Diethylether bzw. Petrolether u¨berschichtet. Wa¨hrend des
Kristallwachstums wurden die Proben dunkel und bei Raum-
temperatur gelagert. Binnen ein bis drei Tagen konnten dif-
fraktionstaugliche Kristalle erhalten werden, die außerhalb
der Mutterlauge zum Teil nur wenige Sekunden stabil waren,
im Kaltgasstrom des Diffraktometers jedoch keine weiteren
Anzeichen von Zersetzung zeigten. Aufgrund dieser Instabi-
lita¨t war es nicht mo¨glich, aussagekra¨ftige Elementaranaly-
sen zu erhalten. Mit Cyclohexylamin erha¨lt man nicht wie
oben beschrieben eine Lo¨sung, sondern es bleibt ein Boden-
satz zuru¨ck. Trennt man diesen ab, lo¨st ihn in Tetrahydrofu-
selwirkungen, desto weniger Ag–X-Bindungen treten ran und verfa¨hrt mit dieser Lo¨sung wie oben beschrieben,
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Download Date | 5/7/18 11:32 AM